Integrative Gemeinschaftsschule:
Gute Voraussetzungen als Chance für Grötzingen
Seit geraumer Zeit ist die Situation an der Grötzinger Schule ein stets wiederkehrendes Thema im Ortschaftsrat. Mehrere Versuche und Vorschläge zum Erhalt des „Auslaufmodells Hauptschule" in Verbindung mit einer Ganztagsschule oder Kooperation mit einer Realschule blieben zum Scheitern verurteilt. Die Orientierung der Schüler nach anderen Stadtteilen oder Nachbargemeinden wird das gesellschaftliche und kulturelle Leben in Grötzingen, etwa bei den Vereinen, deutlich dezimieren, und das trotz hervorragender Infrastruktur in Schule und Stadtteil. Nun eröffnet sich ein ganz neuer Weg zum Erhalt einer weitergehenden Schule, denn die grün-rote Landesregierung beabsichtigt, das Schulgesetz zum Frühjahr 2012 zu ändern, mit dem Ziel, die Gemeinschaftsschule (GMS) mit Wirkung zum Schuljahr 2012/13 einzuführen. Die Vorsitzende des Elternbeirats und Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft „Konzept Gemeinschaftsschule", Veronika Pepper, erläuterte am vergangenen Mittwoch im Ortschaftsrat die Grundzüge der inklusiven Gemeinschaftsschule, Voraussetzungen und den möglichen Weg zu ihr in Grötzingen.
Die Klassenstufen fünf bis zehn lernen in der Gemeinschaftsschule mit inklusivem Bildungsangebot, in dem sowohl Menschen mit und ohne Behinderungen in ihren Begabungen gefördert werden. Der Unterricht findet in Ganztagsform bei individueller Förderung in vielfältigen offenen Lernformen statt, ohne „lehrerzentrierten" zu sein. Dabei wird soziales Miteinander gestärkt und selbstständiges Lernen und Arbeiten gefördert. Eine betreute Mittagspause bietet den Schülern Zeit für Ruhe oder Erholung mit Bewegung, nachmittags stehen individuelles Üben und Lernen auf dem Plan, zusätzliche Hausaufgaben gibt es dann nicht mehr. Noten werden bis zur neunten Klasse ausschließlich zum Schuljahresende ausgegeben und dies auch nur zum Vergleich. Keiner kann so „sitzen bleiben", er wird höchstens in eine andere Lerngruppe integriert. Da in den Lerngruppen alle Bildungsstandards angeboten und von den unterschiedlich begabten Schülerinnen und Schülern je nach ihren Fähigkeiten erreicht werden, wird nach Klasse neun oder zehn der Hauptschulabschluss möglich, nach Klasse zehn der Realschulabschluss. Danach bietet sich der Übergang in die gymnasiale Oberstufe eines allgemein bildenden Gymnasiums, an berufliche Gymnasien oder in die berufliche Ausbildung.

In Grötzingen werden bereits viele Voraussetzungen für die neue Gemeinschaftsschule erfüllt. "Wir gehen davon aus, dass den räumlichen Anforderungen entsprochen wird, zumal Fachräume, wie Werkraum, Küche oder Physiksaal vorhanden sind", sagt Veronika Pepper.

Für eine „ inklusive " Schule ist Grötzingen hervorragend mit einem reichen Erfahrungsschatz bestens vorbereitet. Schon mehr als zehn Jahre sind hier „ integrative " Schulklassen eine Selbstverständlichkeit, bereits 2008 gelangte die erste Integrationsklasse von Hauptschülern und Schülern der Außenklasse der Albschule zum „Abschlusszeugnis nach Klasse 9".
Damals zog Rektor Karg eine durchweg positive Bilanz der neun Jahre gemeinsamer Schule: „Die Grötzinger Hauptschüler haben von dieser Integration nur profitiert. Soziales Lernen war im Klassenverbund selbstverständlich und durch die Anwesenheit mehrerer Lehrer konnten die Hauptschüler manchen Unterrichtsstoff in wesentlich kürzerer Zeit erarbeiten, als in den ‚üblichen' Hauptschulklassen." Seit dem Schuljahr 2008/09 lernen Schüler Berufsvorbereitender Einrichtungen (BVE) der Albschule in Grötzingen. Die Grötzinger praktischen Erfahrungen mit erfolgreichem inklusivem, gemeinschaftlichem Schulbetrieb sind also erstklassig. „Hier soll auch in keiner Weise eine Modellschule entstehen", sagt die Vorsitzende des Elternbeirates. Es würden nur bereits erfolgreiche Modelle adaptiert. So seien zum Beispiel die 140 deutschen Auslandsschulen seit Jahrzehnten Gemeinschaftsschulen und überaus angesehen in ihren Gastländern, nicht nur bei Bundesbürgern. Ortschaftsrat und Schulleiter Tom Hoyem weist zudem darauf hin, dass in Europa Deutschland die einzige Nation ist, welche bereits nach vier Grundschuljahren Schüler vom gemeinsamen Lernen abschneidet.
Eine Arbeitsgruppe aus Lehrkräften, Schulleitung und Elternvertretern hat bereits ein ausführliches Konzept mit Details zur Planung entwickelt. Zu diesen Planern gehört auch Yvonne Seiler, die jetzt in Grötzingen zur Rektorin ernannt wurde. Sie bringt ebenfalls Erfahrungen mit der Ganztagsschule mit. Vom Schul- und Sportamt wird erwartet, dass sie die offizielle Beantragung einreicht. Die Zustimmung des Elternbeirates hierfür ist bereits eingeholt, die Gesamtlehrerkonferenz signalisierte ebenfalls Einverständnis. Am 8. November wird die Zustimmung der Schulkonferenz erwartet.
Was zusätzlich benötigt wird, ist ein erweitertes Lehrerdeputat. Da die Lehrerausstattung für Gemeinschaftsschulen von der Landesregierung bevorzugt und ergänzt werden soll, blickt Veronika Pepper in diesem Punkt zuversichtlich nach vorn: „Wir haben sogar Resonanzen von Gymnasiallehrern, die interessiert sind. Das ist für die Entwicklung der Schule sehr wichtig, denn wir wollen keine ,erweiterte Hauptschule', sondern Eltern davon überzeugen, dass Kinder mit Gymnasialempfehlung bei uns ein Bildungsangebot vorfinden, das ihnen nach der 7. oder nach der 10. Klasse den problemlosen Übergang ins Gymnasium ermöglicht. Ganz Grötzingen muss mitwirken, damit wir eine leistungsstarke Gemeinschaftsschule bekommen!"           StS

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung aus "Das Pfinztal", November 2011

 

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