Überlegungen zur Grundschulempfehlung

Liebe Eltern,
mit der Übersendung der Grundschulempfehlung Anfang Februar liegt es bald an Ihnen, die passende weiterführende Schule für Ihr Kind auszuwählen. Wir möchten Sie mit diesem Informationsschreiben unterstützen, offen und realistisch die zum jetzigen Zeitpunkt passende Schulart für Ihr Kind zu wählen.
Alle Schularten Baden-Württembergs haben sich in den letzten Jahren weiterentwickelt und sind nicht mehr vergleichbar mit dem, was Sie noch aus Ihrer eigenen Schulzeit kennen. Der neue Bildungsplan 2016 hat – als spätes Ergebnis auf die PISA-Ergebnisse – eine Verschiebung der Lerninhalte weg vom Fachwissen hin zu Kompetenzen und eine Angleichung der Inhalte und Fächer unter den Schularten gebracht. Man unterscheidet nun bei gleichen übergeordneten Lerninhalten ein grundlegendes, mittleres und erweitertes Niveau. Unabhängig bieten alle Schularten – neben dem Gymnasium als im Normalfall achtjährigen Schulgang – nach den dort verfügbaren Abschlüssen bei entsprechender Eignung weitere Wege zur Fachholschulreife, zum fachgebundenen Abitur oder auch zum Vollabitur an.
Daher sollten Sie bei Ihren Überlegungen weniger den gewünschten Schulabschluss als Auswahlkriterium verwenden, sondern mehr die derzeitigen Fähigkeiten Ihres Kindes mit den Anforderungen der Schulart vergleichen. Die derzeitig abrufbaren Kompetenzen Ihres Kindes kann Ihnen am besten die unterrichtende Grundschullehrkraft darlegen.

Sollten Sie in Ihrer Entscheidung noch unsicher sein, können Sie nach Ausgabe der Grundschulempfehlung eine Beratungslehrkraft einschalten, die Ihnen mit einem schulischen Test weitere Kriterien für Ihre Entscheidung liefern kann. Aber bedenken Sie bei Ihrer Entscheidung auch: Schulsorgen sind immer auch Familiensorgen!

Grundsätzlich unterscheiden sich Hauptschule, Realschule und Gymnasium von der Gemeinschaftsschule durch eine frühzeitige Festlegung, mit welchem Bildungsplanniveau gearbeitet und somit auch die Klassenarbeiten geschrieben werden.
Die Hauptschule arbeitet und bewertet auf grundlegendem Niveau und führt zum Hauptschulabschluss. Zusätzlich bietet sie aber in der Klasse 10 für stärkere Schüler/innen ein erweitertes grundlegendes Niveau an, mit dem dann ein mittlerer Bildungsabschluss (Werkrealschulabschuss) erreicht wird.
Die Realschule arbeitet und bewertet in den Stufen 5 und 6 ausschließlich auf mittlerem Niveau. Dieses Niveau wird auch bis Klasse 10 weitergeführt und endet dort mit der Realschulabschlussprüfung (nun „Mittlerer Bildungsabschluss“). Ab Ende Klasse 6 muss zum Verbleib auf dieser Niveaustufe eine Versetzung nach der Realschulversetzungsordnung ausgesprochen werden. Wer diese Versetzung nicht erreicht, arbeitet dann in allen Fächern auf grundlegendem Niveau (entweder durch innere Differenzierung oder in einem eigenen Zug) oder muss die Klassestufe wiederholen (1-mal möglich). Auf grundlegendem Niveau kann nach Klasse 9 der Hauptschulabschluss erreicht werden.
Das Gymnasium arbeitet und bewertet immer auf erweitertem (gymnasialem Niveau). Wer dieses Niveau nicht bei allen Fächern abdecken kann, riskiert die Nichtversetzung (1-mal möglich) und eine eventuelle „Abschulung“ auf die Real- oder Gemeinschaftsschule.

Alle drei „alten“ Schularten gehen davon aus, möglichst homogene Gruppen zu bilden, in der Hoffnung, dass dies zu einem besseren Lernergebnis führt.
Diesem Grundgedanken stehen aber diverse empirische Untersuchungen gegenüber, die dem klar widersprechen. Die Hirnforschung belegt, dass es nicht möglich ist, homogene Lerngruppen zu bilden (u.a. Hüther 2009). Diese Ergebnisse führten ab 2012 in Baden-Württemberg zur Einführung der Gemeinschaftsschule als neue Schulart. Hier wurden Erfahrungen der bei PISA weitaus erfolgreicheren skandinavischen Länder übernommen.
Die Gemeinschaftsschule geht grundsätzlich von einer leistungsheterogenen Lerngruppe aus und nutzt die Vielfalt der Potenziale als Chance sowohl für stärkere wie schwächere Schüler/innen. Lernen erfolgt durch Nachahmung. Die Schwächeren lernen von den Stärkeren. Die Stärkeren festigen ihr Können durch lehrende Wiederholung mit den Schwächeren. Die Begleitung durch den Lerncoach und eine entsprechende Lehr-, Lern- und Arbeitsorganisation durch die Lehrkraft ermöglicht eine äußerst differenzierte Arbeitsweise.
Professor Dr. Ulrich Herrmann nennt noch weitere Gründe, die gegen das gegliederte Schulsystem sprechen. Die Selektierung am Ende von Klasse 4 erfolgt nach Noten und Prüfungen und nicht nach Kompetenzen und ist daher oft willkürlich. Eine unterschiedliche Ausprägung der Kompetenzen wie Sprache oder Mathematik beim einzelnen Kind kann im dreigliedrigen Schulsystem nicht adäquat berücksichtigt werden. Besonders die Hauptschule und Realschule können Schülerinnen und Schüler nicht die gleichen Lernerfahrungen anbieten, wie dies das Gymnasium kann. Allerdings besteht besonders im Gymnasium auch die Gefahr, das geforder-te Leistungsniveau nicht zu erreichen und dann die Schulart verlassen zu müssen.
Die Gemeinschaftsschule bietet als Alternative allen(!) Schülerinnen und Schülern Lernerfahrungen über alle Niveaustufen und mit den inklusiv beschulten Schülerinnen und Schülern. Dies ist nur möglich durch den Verzicht auf eine Versetzung am Ende des Schuljahres. In der Gemeinschaftsschule gibt es daher kein „Abschulen“ auf eine „niedrigere“ Schulart, sondern jederzeit die Auswahl von drei Niveaustufen. Diese Entscheidung kann von Fach zu Fach unterschiedlich sein. Erst im zweiten Halbjahr der Stufe 8 erfolgt die erste Festlegung auf den gewünschten Schulabschluss. Zusätzlich entkoppelt das Ganztagesprinzip der Schulart den Erfolg oder Nichterfolg, zumindest teilweise, von notwendigen Unterstützungsmöglichkeiten der Eltern durch Nachhilfe. Dennoch ist die Gemeinschaftsschule eine leistungsorientierte Schule, die den Hauptschulabschluss, den Realschulabschluss und in Karlsruhe an der Drais-Gemeinschaftsschule vermutlich auch das Vollabitur in einer durchgängigen Schulart anbietet. Dass dieses Konzept funktioniert, zeigen die überaus guten Ergebnisse, die von Schülerinnen und Schülern der Augustenburg Gemeinschaftsschule in den letzten beiden Jahren bei den Abschlussprüfungen erreicht wurden.
Bitte nutzen Sie die Informationstage der einzelnen Schularten ab Ende Januar, um weitere Einblicke in die Arbeitsweisen und Anforderungen der Schulen kennenzulernen. Die Termine finden Sie im Regelfall auf den Homepages der Schulen.

Einen interessanten Beitrag zur Thematik Schulwahl finden Sie auch im Januarheft des Magazins „Schule“. Hier der Link zu diesem Artikel – Magazin Schule

Der Schnuppertag an der Augustenburg Gemeinschaftsschule findet am Mittwoch, 29. Januar ab 14:30 Uhr statt und zeigt die Arbeitsweise im Unterricht, aber auch Ausschnitte aus dem Projektangebot der Schule.
Wir wünschen Ihnen eine gute Entscheidung zum Wohle Ihres Kindes und würden uns sehr freuen, Sie an unserem Schnuppertag begrüßen zu dürfen.

Friedbert Jordan, Rektor

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Veröffentlicht in Gemeinschaftsschule, Primarstufe (Jahrgang 1 bis 4), Schule, Sekundarstufe 1 (Jahrgang 5 bis 10) und verschlagwortet mit , , , .