Projekt Karlsruhe 1715

Projektwoche Karlsruhe 1715

U. Steinhardt-Stauch Freitag, 15. Juli 2022 von U. Steinhardt-Stauch

Eine Woche leben, lehren und lernen im Barock

Die Grötzinger Primarstufe schreibt mit Gänsekiel, gießt Gips und wäscht mit Asche

Da hängt es, das Hemd aus Leinen, frisch gewaschen und dekorativ mit hölzernen Wäscheklammern zum Trocknen vor die Kulisse der Grötzinger altehrwürdigen Kirche drapiert. Schön anzusehen, aber wenig Erfolg versprechend, weil es Bindfäden regnet und von einem elektrischen Wäschetrockner oder auch nur einer Steckdose gibt es nicht mal den Hauch einer Ahnung. Denn alle Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler der Grötzinger Grundschule wurden vom Heute für eine Unterrichtswoche in das Jahr 1715 zurückgebeamt und entdecken darin ganz neue technische und kulturelle Grundlagen fürs Leben in früherer Zeit.

Denn wie bekamen Hausfrauen und Mägde vor 300 Jahren ganz ohne Waschpulver und Waschmaschine so ein verdrecktes und bekleckertes Leinenhemd wieder sauber? „Mit Wasser, Seife und Asche und unter viel Rubbeln auf einem Brett im hölzernen Waschbottich“, wissen die Kinder nach ihrer Projektarbeit in der „Waschküche“. Aschenlauge besitzt nämlich stark basische und ätzende Eigenschaften, welche die Stoffe aufquellen lassen und Fette darin lösen und zersetzen. Trotzdem: „ganz schön anstrengende Knochenarbeit“, gestehen Mädchen und Jungen. Der Schalter an der Waschmaschine zuhause ist zwar einfacher zu bedienen, doch das ist nicht so spannend und auch kaum interessant.

Die Waschküche ist nur eine von 12 Stationen, die für eine Woche das Leben und Lernen im Schlossschulgebäude und auf dem Schulhof bestimmen. Unter Federführung der Lehrerinnen Ursula Huber und Sandra Gutwein-Lohmeyer und unter Anleitung weiterer Lehrkräfte und Eltern tauchte die Schulgemeinschaft in das Leben von vor 300 Jahren ein. „Unser Dank geht besonders an die vielen helfenden Eltern, ohne deren Mitarbeit ein solch umfassendes Projekt nicht zu leisten wäre“ sagt Schulleiter Friedbert Jordan. Die Zeitreise entstand im Rahmen des Karlsruher 300sten Stadtgeburtstags und wurde vom SWR-Wissenschaftsredakteur Uwe Gradwohl entwickelt, mitsamt der dazu benötigten Materialien. „Ich war sofort Feuer und Flamme, als ich davon hörte“, berichtet Ursula Huber.

Sie musste nicht viel Überzeugungsarbeit im Kollegium leisten, alle zeigten sich gleich begeistert. Wie Sandra Gutwein-Lohmeier: „Wir lösten die Klassenstufen auf und verteilten die Schüler auf “Familien„, bei denen die Ältesten die Rollen der Eltern übernahmen.“ Jeder Familienverband bekam einen Nachnamen zugeordnet, wie zum Beispiel Fischer, Kaufmann, Bader oder Rupp. Im Familienverband durchliefen die neu gebildeten Gruppen gemeinsam die jeweiligen Stationen und erfuhren dort praktisch, hautnah und mit eigener Arbeit barocke Techniken und Lebensweise: Wie eine „schwebende“ Stadt geplant wird, wie Fachwerkhäuser aus Balken errichtet und dann mit Lehm und Holzstöcken ausgefugt werden oder wie Papier und Schreibwerkzeuge zum Lernen, Lesen und für die Schreibstube hergestellt werden. Auf dem Tanzboden schritten die Kinder eine Farandole und lauschten den Klängen der Instrumente des Barock. Und wie kleideten sich Bauern, Bürger und der Adel in jener Zeit? Eine Kleiderkammer gab Aufschluss. Fotos gab’s damals nicht, also bildete man seine Liebsten in Scherenschnitten ab, die nun wiederum verkleinert werden mussten, aber wie? In der Stuckwerkstadt konnten niedliche Barockengel aus Gips gegossen und golden bemalt werden und selbst dem Freizeitsport von Anno Dazumal wurde gefrönt: Im Ballhaus knoteten die Grundschüler Lumpenbälle zum Bocciaspielen und erfuhren von einfachen Sportfesten, ohne Bundesliga oder gar olympische Spiele.

Die einhellige Zusammenfassung am Ende dieser interessanten kreativen Woche: „Sie hat allen viel Spaß gemacht und wir haben unendlich viel erfahren!“ Bequemer ist es wohl heutzutage, doch längst nicht so spannend!

Ein besonderer Dank geht auch an den Förderkreis der Augustenburg GMS Grötzingen, der durch seine finanzielle Unterstützung erst die Teilnahme für alle Schülerinnen und Schüler ermöglichte.

Amtliche Mitteilungen in GA Nr. 28 vom 15.07.2022

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